Intellekt vs. Sozialporno

Veröffentlicht: 3. August 2010 in Gedanken

Der Nachteil einer durchwachten Nacht liegt nicht darin, dass man morgens wie gerädert aufsteht, den Tag über ständig gegen das bewusstlos-werden ankämpft, oder wie ein Zombie aussieht, nein, der große Nachteil liegt darin, dass man gezwungen ist sich das Nachtprogramm im Fernsehen reinzuziehen.

Erst ist es noch ein frommer Wunsch, dass das seelenlose, intelligenzbefreite Gewäsch uns sicher schläfrig macht. Doch bald schon registrieren wir, dass es so maßlos unintelligent ist, dass wir vor lauter Erstaunen gar nicht mehr IN DER LAGE sind einzuschlafen.

Es ist wie an einem schlimmen Unfall vorbei zu fahren. Im Grunde wollen wir gar nicht hinsehen, doch irgendeine unsichtbare Macht zwingt uns dazu.

Es fängt mit Sitcoms an, die noch ganz harmlos sind. Two and a half men ringt mir noch das ein oder andere Grinsen ab. Ab und zu finde ich mich sogar in Charly, einem der Hauptprotagonisten, wieder. Obwohl ich Alan Harper bemitleidenswert finde, muss ich mir grummelnd eingestehen, dass auch seine Sicht auf die Dinge mir in mancher  Situation bekannt vorkommt, aber PSSST! Bitte nicht weitersagen.

Nächster Halt: Sozialporno! Familien im Brennpunkt. Gezeigt werden Familien, die nicht aufgrund ihrer langjährigen Arbeitslosigkeit oder ihrem fehlenden Instinkt für Wohnungseinrichtungen im Fokus des Geschehens stehen, sondern weil ihr liebloser, von Fäkalsprache durchtränkter, nach Respekt schreiender, asozialer Umgang miteinander jegliche Vorstellung von einem harmonischen Miteinander sprengt!

„KEEEEEEEEEEEEEEEEEVIN! Komm bei die Mama!“  Pause.  „KEEEEEEEEEEEEEEVIN, KOMM SOFOT HIAHEA, SONS KRICHSE AUFN AAAASCH!“   Pause.  „KEEEEEEEEEEEEEEEEEEEVIN, WENN DAT MAMA DIA EWISCHT, SETZT ET WAT ABA FRACH NICH NACH HARZ-4-SONDABEZÜÜÜÜÜGÄ!“

Sprachs, setzt sich auf den voluminös ausfallenden Hintern und schraubt sich erstmal 9 selbstgedrehte Zigaretten rein.

Der etwas übergewichtige, 11-jährige Kevin, der seine Zehen das letzte Mal im Kindergarten im Stehen gesehen hat, kann „dat Mama“ allerdings gar nicht hören, weil das Schätzchen gerade auf der Straße vor dem liebevoll gestalteten Plattenbau steht und vorbei gehende Passanten nach Kleingeld anbettelt oder von Nachbarskindern Handys abzieht.

Weiter geht es mit einem höchstanspruchsvollem Talk bei Britt. Ali kann nicht verstehen, dass seine Verlobte Schantall, die er vor 3 Wochen in einem Porzer Swingerclub kennengelernt hat, einen Lügendetektortest verlangt. Es wird doch wohl noch erlaubt sein mit ihrer besten Freundin zu schlafen, ohne dass sie gleich an seiner Loja…, Loiol…, Lohjahlihtäht zweifelt.

Kemal macht im nächsten Block seiner Angebeteten, der 220-Kilo-schweren Hilke einen Heiratsantrag. Die Tatsache, dass Kemal in 2 Wochen ausgewiesen werden soll, spielt sicher keine Rolle, denn als Kemal Hilke vor 4 Tagen bei McDonalds traf, war es um ihn geschehen.

Rüdiger bittet seine Ehefrau Heidrun inständig wieder zu ihm zurück zu kehren. Der gebrochene Kiefer, der das Resultat ihres letzten Disputes war, kann doch nicht das Ende ihrer harmonischen Beziehung bedeuten. Was fällt ihr auch ein ihn zu bitten den Müll raus zu bringen…

Nicht sicher, ob ich das alles nur in einem semiprofessionellen Alptraum erlebe, schalte ich um und lande in einer nächtlichen Gameshow, in der Namen gefunden werden müssen, dessen 1., 4. Und 13. Buchstabe ein „w“ beinhalten.

Auch die Autonamen mit „A“ sind nicht erraten worden. Es konnte doch wohl jeder wissen, dass „A Honda“, „Alfreds Volvo“ und „Amborghini“ gemeint waren.  Der Moderator der „Show“ kommt mir ein wenig vor wie ein hektischer Loddar Matthäus  auf Speed. Ich bin erstaunt, wie viele Sätze bei ihm mit „ne?“ enden.

Ich gebe mich geschlagen. Diese Nacht war nicht nur anstrengend, sondern auch eine intellektuelle Kapitulationserklärung an Verstand, Anspruch und Kommunikation. Voller Eifer beschließe ich mich über das geistige Niveau des Nachtprogramms hinweg zu setzen, schnappe mir meine Bettlektüre und bin beruhigt über das sofortige Ansteigen der Hirnaktivität um 700%.

Die erste Seite verheißt Gutes und ich beginne zu lesen: „Willkommen in der wunderbaren Welt von IKEA…“

Advertisements
Kommentare
  1. ELsa sagt:

    Großartig!

    Dazu fällt mir nur nickend ein:

    Talk Talk Talk

    Kürzlich habe ich eine Umfrage im Freundeskreis gemacht: „Siehst du Talk-Shows?“
    Man prallte zurück. „Bist du irre? So einen Dreck? Willst du damit sagen, du traust mir so was zu? Hältst du mich für derart banal? Ich bin doch nicht kulturlos!“
    Ein Einziger gab zu: „Ja, aber aus beruflichen Gründen!“
    Er ist Persönlichkeitstrainer.

    Aber keiner konnte mir brennende Fragen beantworten. Kriegen die Gäste Honorar für das Talken? Sind sie Laiendarsteller, die sich gebärden wie Underdogs? Ich vermute es stark. Mal ehrlich, welcher Mensch würde vor Kameras die Hosen seines echten Lebens runterlassen?

    Ich behalte das im Auge und sobald ich einen freien Nachmittag habe, drehe ich um 13 Uhr die Kiste auf.

    Unter frenetischem Applaus stampft eine Dame von viereckigem Format durch eine Seitentür auf die Bühne.
    „Herzlich Willkommen, Wilma“, sagt die Moderatorin strahlend. Dann wird sie ernst, „du hast dich an mich gewendet, weil du vermutest, dass dich dein Mann (Blick auf eine der Karten, die sie in der Hand hält) Eduard betrügt?“
    Wilmas weitläufiger Busen wogt, sie presst die Lippen aufeinander, nickt. Mir ist, als würde ich Tränen sehen. Sie ballt die Fäuste. „Und ich will den Lügentest.“
    Die Moderatorin nickt, sagt: „Dann holen wir jetzt Eduard dazu, er soll schließlich eine Gelegenheit zur Verteidigung haben. – Herzlich Willkommen, Eduard!“
    Nichts. Das Publikum raunt, ich zünde mir eine Zigarette an. Jetzt hat er es doch geschafft, die Tür zu öffnen und schleppt sich mit vorgebeugten Schultern an seinen Platz gegenüber von Wilma. Ich persönlich glaube ja nicht, dass der arme Eduard je irgendwen betrogen hat, so ausgeronnen, wie er wirkt.
    „Nun, Eduard, was sagst du zu den Vorwürfen Wilmas?“ Die Talkdame mustert ihn kritisch und wiegt sich auf den Bleistiftabsätzen.
    „Ich tu so etwas nicht“, antwortet er ganz leise.
    „Willst du damit andeuten, dass deine Frau fantasiert?“
    Die wuchtige Wilma keift: „Du hast mich mit der da (sie deutet auf eine leichkalibrige Person im Publikum) betrogen!“
    Ach?, denke ich mir.
    Die junge Dame lässt das offensichtlich nicht auf sich sitzen und tritt an eine Art Rednerpult mit Mikrofon. Brüllt: „Stimmt doch nicht! Wir sind bloß Freunde, der Edi muss sich ja wo ausheulen können, du Sadistin!“
    Wilma spuckt in ihre Richtung.
    „Nein, Wilma, das geht nun wirklich nicht, benehmen wir uns doch wie zivilisierte Menschen“, sagt die Moderatorin mit dem Namen Britt.
    „Schlampe“, entgegnet Wilma, meint ganz klar nicht Britt, die rasch aus der Blickschusslinie zwischen den Frauen tritt, aber ein mitfühlendes Gesicht aufsetzt und das Feuer schürt: „Möchtest du deinen Mann wirklich den Fragen des Lügendetektors aussetzen?“ Sie reicht der Frau einen Karton Taschentücher, auf dem das Logo des Senders prangt. „Was wirst du tun, wenn sich herausstellt, dass er wirklich mit deiner besten Freundin gepoppt hat?“
    Statt einer Antwort bricht die Gequälte mit einem Wutschrei aus ihrem Revier – einer dicken Gummiwalze, an der die Gäste sich mit dem Hintern anlehnen müssen – aus und prescht zur gegenüberliegenden Seite der Bühne, wo der Ehegespons sich gegen seine Rolle presst.
    Britt jagt ihr nach, stellt sich mutig vor den blassen Mann, sagt autoritär: „Stopp!“
    Das scheint der rasenden Wilma relativ wurscht zu sein, mit einer Armbewegung räumt sie die Moderatorin zur Seite. Mittlerweile ist der vermeintliche Betrüger hinter die Gummiwalze gehechtet. Seine Hände zittern, als er die Brille zurecht schiebt. „Moppelchen, ich liebe dich doch! Tu nichts, was du dann bereuen würdest“, fleht er.
    Das Publikum johlt, ich bin fassungslos.
    Britt ruft um Hilfe, der Ehemann ergreift die Flucht durch die Bühnentür und Wilma kreischt: „Wart nur, wenn du mir nach Hause kommst!“

    Und ich denke darüber nach, dass die Leute bestimmt eine fette Gage bekommen, wenn sie sich schon so entblöden.

    Morgen werde ich mir eine Show ansehen, in der zwei Familien in einen Wettstreit treten. Angeblich ist eine der rivalisierenden Ehefrauen bei der letzten Sendung um ein Haar ertrunken, weil die Kinder und ihr Mann sie nicht aus dem Wassertank fischen wollten, um die hohe Gewinnprämie zu kassieren.

    © Elsa

  2. ELsa sagt:

    😉

    Freut mich!

  3. bea sagt:

    so right!!!!!!!!!!!!!!!!!,-)….ich hab mal nachts groß brüstige frauen beim seilspringen gesehen..in echt-das war so traumatisierend…..hilfe!!!!!!!!!!!schlimm

  4. bea sagt:

    ich glaub es gibt ein idioten casting..pool…akademiker hab ich da noch nie gesehen…obwohl die probleme ja nicht schichtabhängig sind….wenn man sich das anschaut fühlt man sich ja gleich „normaler“…wirft aber auch irgendwie ein dunkeles licht auf einen…ist irgendwie wie in meinem heimatdorf….alle reden über die assi familien..kinder..usw…aber keiner hilft……..

  5. herrlich- wohl eher um 1000 % ; ))

  6. Karla sagt:

    Hallo,

    danke für den Link, Dani, habe mich leider zu 100 Prozent wiedererkannt. Normalerweise bin ich ja froh, wenn ich es vor Müdigkeit überhaupt ins Bett schaffe und da vielleicht noch 5-55 Minuten lesen kann. Aber manchmal ist der Kopf einfach zu voll für sowas und man meint, man könnte sich mit Fernsehen ablenken und gerät dann genau in solche Situationen…. Und ich gebe es gern zu, wo ich tagsüber den Fernseher niemals einschalten würde, da kann ich in der Nacht völlig übermüdet nicht ausschalten. Aber schön, wenn es ja nicht nur mir so geht…! 🙂

    LG, Karla

    • Liebe Karla,
      vor diesem Phänomen kann einen auch die größte Intellektualität nicht bewahren 😉
      Freue mich auf den Fragetag am 22.10. bei euch auf Lovelybooks. Hoffe, ich kann alles beantworten. *grins*
      LG
      Daniela

  7. Robert Eben sagt:

    Ja, gedacht habe ich mir soetwas auch schon oft, gesprochen darüber wird häufig, aber aufgeschrieben habe ich es noch nicht. „Sozialporno“ – ein wunderbares Wort!

    Was haben unsere Privatsender denn überhaupt zu bieten? Big Brother, Deutschland sucht den singenden Supertrottel, gestellte Gerichtsshows, wie hege ich meinen Garten, den ich vorher durch eine renovierung meines Hauses zerstört habe, wir kochen mit Onkel Herbert, ein paar erzieherisch wertvolle Zeichentrickfilme und wenn man Glück hat, sieht man ab und an mal einen guten Spielfilm. Sehr gut, wir leben in einem Land, das verdummen will, so scheint es zumindest. Denn, wenn niemand diese Sendungen ansehen würde, wären sie ja abgesetzt. Aber nein, immer mehr von dem Mist wird erfunden (bekommen diese Leute für ihre Ideen eigentlich Geld, oder Prügel???) und den Casting-Shows rennen die Heulbojen die Bude ein.

    Ich oute mich und gebe zu, früher gerne mal die Simpsons angesehen zu haben (mittlerweile habe ich den Fernseher abgeschafft und konzentriere mich nur noch aufs Lesen). Was mich immer sehr fasziniert hat, dass zwischen der 1. und der 2. Folge eine Werbeunterbrechung kommt. Nein, nicht die Werbung an und für sich hat mich fasziniert, das ist ja bekannt. Aber, haben Sie schon einmal aufgepasst, für was da (meistens) geworben wird? Nein? Dann tun sie das mal!!! Ich öffne mir derweil ein Bier und trinke es mit dem 12-jährigen Nachbarsjungen, der mit mir die Sendung sieht und natürlich auch ein solches Getränk will, wenn es schon im Fernsehen zwischen seiner Lieblingssendung beworben wird… Prost!

    Ich sagte zuvor, das Wort „Sozialporno“ finde ich klasse. Teilen wir doch einmal diese beiden Wörter, die sich zu einem zusammen setzen: Sozial (gut, 95% aller Fernsehzuschauer wird jetzt zwar das Sozialamt kennen, aber nicht, was es bedeutet) und Porno. Liebe Eltern: wann seht ihr euch einen Porno an bzw., wann laufen die Softpornos? Genau: Gegen Mitternacht! Weil da die lieben kleinen schlafen und niemand sieht, wie die Cindy vom Ronny so richtig… naja, lassen wir das. Aber, ein Sozialporno, mit all seinen Väckahl… äh, Schimpfwörtern, läuft mitten am Nachmittag, wenn Kind und Kegel von der Schule kommen. Und da fallen dann so Wörter, wie ja schon gesagt wurde, wie Schlampe, Dreckstück, poppen etc. Ich denke, ich muss nicht jedes aufzählen. Liebe Eltern: Ist es ein Wunder, dass der kleine Kevin solche Wörter benutzt?

    Im Übrigen ist eine solche Volksverdummung nicht nur im Fernsehen zu erleben (dass wir von der Werbung und unseren „Stars“ ganz kirre gemacht werden und natürlich glauben MÜSSEN, dass Mode, Geld, Status und vor allem Schönheit das Wichtigste in der Welt ist, darüber möchte ich mich gar nicht auslassen, die Zeit würde nicht ausreichen…). Nein, auch auf dem Buchmarkt kommen immer häufiger solche geistreichen Gehirnerbrechen! Auch hier geht es dann nur noch um „Wer-mit-wem“, Bis(s) ich dich fresse, oder dummen Hummeln. Schauen Sie sich doch mal die Bestseller-Listen an und dann verraten Sie mir einmal, wann zuletzt ein guter Roman (vor allem aus Deutschland, nicht der USA!!!) hier vertreten war… Ach, sie haben einen gefunden? Gratulation! Ihr Spürhund hat eine gute Nase und sollte sich vielleicht demnächst mal um Fernsehen mit Niveau kümmern…

    • Hey Robert!
      Phantastischer Text, sehr richtig und sehr treffend formuliert, Herr Kollege 🙂
      Du sprichst mir total aus der Seele!!! Freue mich schon auf dein neues Buch!
      Fühl dich herzlich gegrüßt,
      Daniela

  8. Frauke sagt:

    Sozialporno also:

    Das schlimme ist, dass alle Menschen nur denken, wie arm ist unsere Gesellschaft geworden, dass sie sich genau sowas reinziehen. Mittag für Mittag. Seit Jahrzehnten!

    Doch betrachten wir eigentlich mal das, was wir hier außer Acht lassen und tun so, als seien wir die Darsteller der Pornos. Wir gehen zum Fernsehr und können uns unsere Illusion aussteigen, in dem wir, wie im Flim Pleasantville, durch die Mattscheibe klettern und in einer völlig anderen Welt…ups, nein, halt, stimmt gar nicht! Als ich durch die Mattscheibe klettere und sehe was auf der anderen Seite ist ergreift mich das Grauen, denn ich glaube, dass ich in einen riesen Spiegel schaue. Verwundert schaut mich nämlich eine fette, biertrinkende, rauchende Frau an und kann nur noch flüstern: „Käfin, was du heilige Scheiße?“ und ich denke mir: „Und ich dachte, ich breche aus.“ Was ich vor mir sehe bin ich! Ganz genau, denn eigentlich ist das alles nur eine rieseige Spiegelung unserer Gesellschaft, die versucht zu behaupten, dass das alles gar nicht stimmt und nur in den allerärmsten Schichten unserer Gesellschaft zu finden ist. Quatsch! Sozialporno ist nichts anderes als ein Verbildlichen unserer Gesellschaft. Ein Spiegel vorhalten.
    Tag für Tag schauen Menschen sich die Sendung an und kreischen: „So bin ich nicht, haha, wie kann man nur so blöd sein und sich so zeigen!“ Aber in Wirklichkeit, wenn man eine imaginäre Kamera schwenken würde, sähe man genau das. Eine Wirklichkeit in der Käfin und Schakeline von ihrer biertrinkenden Mutter verpürgelt werden und vom ekeligen Vater missbraucht. Die kleine Michelle hat eigentlich einen IQ von 180, aber der nutzt ihr gar nichts, weil sie verprügelt wird, sobald sie was anderes liest als sie soll, nämlich die Spielanleitung für WoW, damit ihre Eltern nicht aufhören müssen zu spielen und alle Infos direkt von ihr bekommen. Michelle resigniert irgendwann und bekommt auch Kinder und der Kreislauf schließt sich. Käfin und Schakeline sind in der Zwischenzeit schon im Knast, weil sei auf der Straße das gleiche mit anderen gemacht haben, da sie gelernt haben, dass das so ok ist…

    Aber nun seien wir auch mal ehrlich, bevor wir nun denken, dass das ein Problem unserer gegenwärtigen Gesellschaft wäre. Ha, von wegen! Täuscht euch nicht! Das ist ein Problem der Menschheit, nicht der Zeit. Von jeher waren Menschen so und sie werden IMMER so sein!

    Im römischen Reich war es Tradition, dass die Menschen Gladiatorenspiele veranstalteten. Bekanntermaßen waren die Spiele grausam. Körperlich, denn die Menschen und Tiere überlebten es nicht und wenn doch, dann hatten sie eh keine Zeit seelisch kaputt zu sein, weil sie Superstars waren, bis sie starben. Das Kolosseum fasste 50.000 Menschen! Rechnet euch das mal hoch und wir reden hier von einer Zeit von vor fast 2.000 Jahren! Diese Besucherzahl ist für damalige Verhältnisse genauso hoch wie heute eine Sendung mit einer Einschaltquote von 1.000.000 Menschen!
    Seneca verurteilte diese Spiele, weil er glaubte, dass die Menschen dadurch zu Tieren werden und für die Gesellschaft schlecht wären. Er hält seinen fiktiven Schüler Lucilius sogar dazu an die Massen zu meiden, damit sein Charakter besser ausgebildet wird und sich erst dann wieder in die Massen zu begeben, wenn er Stark genug ist. Seneca, ein Kritiker seiner Zeit.
    Heute nennen wir diese Gladiatorenspiele Realitydokus! Letztlich ist es nichts anderes. Menschen sterben und zwar sozial, weil sie sich in ein soziales Aus katapulitieren, wenn sie an solchen Sendungen teilnehmen.
    Kinder werden bei der Supernanny vorgeführt, eine sehr tolle Sozialpädagogin, die sich hinsetzt und die unschuldigen Seelen der Kinder für ein paar Euro verkauft und zulässt, dass die Kinder emotional sterben werden.

    Menschen brauchen diese Traditionen, damit sie selbst besser leben können. Sie müssen sich ablenken und einfach eine Weile aus ihrer Welt verschwinden. Sie sehen im TV das, was sie selbst sind, aber glauben, dass es einem anderen Menschen noch viel schlechter geht, denn wenn sie glauben würden, dass es ihnen schlechter ginge, würden sie das nicht schauen. Wozu auch?

    Es ist grausam, was wir miteinander anstellen, aber es ist nichts, dass wir nicht schon seit Menschengedenken tun. Wir handeln so, weil wir es nicht besser kennen und weil Ergözen der einzige Weg ist, auf dem wir uns sicherer fühlen…

    Traurige Welt, aber wie die Geschichte zeigt: Wir gehen deswegen nicht unter…

    • Tradition, respektive Konvention, ist etwas, meiner Meinung nach, in Vergessenheit geratenes.
      Das Bildnis, das Seneca von einer idealen Welt hatte, war visionär, aber für seine Zeit nicht durchführbar. „Brot und Spiele fürs Volk“ war wesentlich unterhaltsamer als ein intellektueller Konsens. Wir haben ja heute schon darüber gesprochen, dass die Revoluzzer ihrer Zeit auch immer jene waren, die auch heute noch oft missverstanden werden. Ich könnte die Reihe ewig fortführen:
      Plato, Sokrates, Sartre, Proust, Ciccero, Nietzsche…
      Wenn Konventionen in unserer Gesellschaft wieder mehr Beachtung finden würden, hätte sich die Plattform des möglichen Sozialporno sehr schnell dezimiert…

  9. Frauke sagt:

    Brilliante und treffende Aussage!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s