Rassisten-Rudi

Veröffentlicht: 2. Oktober 2010 in Unmögliche Situationen

Vor ein paar Wochen war ich zum Interview bei einem großen Radiosender. Der Fahrer des Senders, der mich vom Flughafen abholte, stellte eine große Herausforderung an meine Selbstbeherrschung dar. Aber lest selbst:

„San sie die Schriftstellerin?“

Nervös schaue ich um mich. Ach ja, er meint mein Buch.

„Ich denke schon, wenn hier nicht augenblicklich Elke Heidenreich aus der Lufthansa-Lounge kommt, müssen sie wohl mich mitnehmen.“ grinse ich ihm entgegen.

Ok, fand er nicht witzig. Der ältere Herr in den Sechzigern mit grauen Haaren und akkurat gestutztem Oberlippenbart zuckt nicht mal mit der Wimper. Zugegeben: ich war auch schon mal witziger.

„Ich bin Rudi, ihr Fahrer. Mir ham 40 Minutn Fahrt vor uns. Sans eingedeckt mit wos zum trinkn?“ will er finster blickend wissen.

„Ja, ich bin versorgt. So schnell fall ich ja auch nicht vom Fleisch.“ Mein 2. Versuch. Noch immer keine Reaktion. Kein Grinsen. Harter Brocken. Langsam fahren wir los und passieren Taxen, die vor dem Terminal stehen.

„Immer diese Türken!!! Das ganze Fahrgschäft is überfüllt von diesn Kümmeln.“

Au weia! Sitze ich hier etwa mit einem Rassisten im Auto? Ich hoffe inständig, dass das ein beknackter Scherz war…

„Die kommn von Ankara rüber, schnappn sich unsere Arbeit und unsere Fraun. A Schande ist des.“

Ich werde langsam sauer. „Haben sie diese Parolen auf dem NPD-Parteitag auswendig gelernt oder was?“ entfährt es mir böse.

„Des is FAKT. Da is nix dran gemauschelt. Die kriegn doch alles in den nackerten Kümmelhintern gstopft. Die Merkl macht ja auch nix dagegn. Unter Stoiber gäbs sowas nich!!!“ poltert er heraus.

„Ach, und wenn Adolf noch unter uns wäre würden wir die alle vergasen oder was???“ zische ich wütend und fassungslos.

Ein fieses Wieselgrinsen huscht über sein Gesicht, als er hinterlistig flüstert: „Des haben SIE jetzt ganz richtig gesagt.“

Die Luft im Auto wird eng. Entweder ich haue diesem Drecksnazi sofort in die Fresse, oder ich steige aus. SOFORT.

„Halt an, du widerlicher Rassist. Lass mich sofort aussteigen!“

Er hält am Straßenrand. Ich öffne die Tür und wende mich letztmalig zu ihm.

„Wenn ich gleich im Sender bin, gefahren von einem netten türkischen Taxifahrer, werde ich umgehend dafür sorgen, dass dein Chef von dieser Fahrt erfährt und alles daran setzt, dass du NIE WIEDER Gäste des Senders fährst. Und weißt du, was du dir dann für alle Zeit sagen kannst: dass du deinen Job verloren hast verdankst du einer KROATIN!“

Ich steige aus, knalle die Tür, atme tief ein und gehe mit entschlossenem Schritt auf die wartenden Taxen zu…

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Kommentare
  1. sysrun sagt:

    Schönes Ding.

  2. Christiane sagt:

    Das benötigt keinen Kommentar – das sprich für sich.
    Christiane

  3. Erich sagt:

    Bravo!!! 😀

  4. Simone sagt:

    RIIIISCHTIG!!! Sauber !!!! Der Typ hat´s nicht anders verdient.

  5. Sandy sagt:

    War das Interview zufällig in Österreich? Die reden da leider fast alle so.
    Ich bezweifle das du den Typen damit getroffen hast. Der wird auch noch weiter so ein Schmarn reden. Trotzdem cool das du dich durchgesetzt hast und dir sowas nicht bieten lässt.

  6. Friederike sagt:

    Ob alle so sind oder nur wenige. Auch wenn es nur den einen getroffen hat und nicht alle die solch einen Müll reden. Einer ist immer noch mehr als gar keiner. Und die kleinen Dinge zählen sehr viel im Leben. Daumen hoch!!!

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