Wein-nachten

Veröffentlicht: 27. November 2010 in Cosmopolitische Überlegungen

24. Dezember – das Jahr ist variabel – Heiligabend:

Einsam steht der alte Mann in seiner dunklen Wohnung und schaut aus dem Fenster. Er sieht die hell erleuchteten Fenster in der näheren Umgebung. Sieht die aufgeregten Kindergesichtchen, die mit roten Wangen und großen Augen mit dem Weihnachtsbaum um die Wette strahlen. Letztes Jahr haben sie noch gemeinsam Weihnachten gefeiert. Letztes Jahr hat seine Frau noch gelebt. Sein erwachsener Sohn, den er eh nur am Heiligen Abend sah, weil die Entfernung einfach viel zu groß ist, hatte ihn eingeladen diesen Abend bei ihm und seiner Frau zu verbringen. Doch es kostet ihn viel zu viel Energie den Menschen um ihn herum glaubhaft zu machen, er würde dieses Leben auch alleine meistern. Ohne sie. Ohne ihre warmen Augen und ihre sanften Berührungen. Er log den Menschen ungerne ins Gesicht und hatte sich entschieden zuhause zu bleiben. In ihrem Zuhause. Die Erinnerung an den Duft ihrer Kekse, ihre königliche Sanftmut, während sie leise vor sich hinsummend den Baum schmückte, ließen ihn erst zaghaft lächeln. Doch der allgegenwärtige Schmerz schlug auch jetzt wieder zu. Er lässt langsam die Gardine zurückfallen, setzt sich müde auf das Sofa und starrt verbittert in die Dunkelheit. Ein ganzes Leben lang zusammen. Was war sein Leben jetzt noch ohne sie wert?

Marie hört die anderen Kinder im Heim im Speisesaal lachen. Sie hat sich zurückgezogen in ihr 4-Bett-Zimmer, dass sie mit ihren Freundinnen teilt. Die Kinder aus ihrer Klasse feiern den Heiligen Abend mit einem Festbraten, einem echten Weihnachtsbaum (nicht so einem doofen Plastikbaum der nach gar nichts riecht) und vielen Geschenken. Vor allem aber feiern sie ihn mit ihren Eltern. Marie kann sich noch sehr gut an ihre Mutter erinnern. Auch ihr Körper hat sich lange an ihr qualvolles Leben erinnert. Jeder blaue Fleck, jede Narbe, jeder Knochenbruch sprach Bände. Von unten drängt leise ein Weihnachtslied zu ihr hoch. „Ihr Kinderlein kommt“. Sie seufzt schwer. „Wohin“, fragt sie sich, „soll ich denn kommen? Mich will ja keiner. Nicht mal meine Mutter…“

Frierend sitzt Jonas auf der Parkbank. In den Füssen hat er schon seit heute morgen kein Gefühl mehr. Es ist schon schlimm genug für ihn obdachlos zu sein, doch an einem solchen Abend, wo die Stille in den Strassen tonnenschwer auf seiner Seele lastet, ist die Kälte oder der Hunger nicht sein schlimmster Feind. Es ging alles ganz schnell. Erst lief sein Geschäft gut. Er war zu schnell an Geld gekommen. Schnelle Autos, tolle Frauen, falsche Freunde. Jetzt, wo er nur noch das besaß, was er am Körper trug, wusste niemand mehr, wer er war, geschweige denn, dass es jemand interessiert hätte, was mit ihm geschehen war.

Clara lag bereits seit 4 Jahren im Bett. Dass sie Multiple Sklerose hat, wusste sie schon länger, doch sie hatte es lange erfolgreich verdrängen können. Erst, als die ersten Lähmungserscheinungen eintraten, realisierte sie, was das bedeutete. Seit einem Jahr kann sie sich nicht mehr bewegen. Eine Maschine atmet für sie. Doch hier im Hospiz ist das Zimmer viel schöner, als im Pflegeheim. Clara weiß, dass dies ihr letzter Heiligabend sein wird. Die Schwester kommt eilig herein und wechselt die Infusion. Leise summt sie vor sich hin, als sie sich über Clara bückt und was am Monitor verändert. Clara bemerkt das Amulett um ihren Hals, das zwei kleine Kinder zeigt. Wie schön! Sicher wird sie gleich nach ihrem Dienst mit ihnen Geschenke auspacken und zu Abend essen. Clara würde so gerne spüren, dass sie noch ein Mensch ist, spüren, dass sie noch lebt. Wenigstens noch die kurze Zeit, die ihr noch bleibt…

Badawi schaut durch sein Haus, das kaum größer ist als eine Abstellkammer. Er weiß nicht, wie er seine Frau und seine 9 Kinder heute ernähren soll. Er hat kein Geld um Hirse oder Mehl zu kaufen, geschweige denn eine Ziege um sie mit Milch versorgen zu können. Verzweifelt hält er sich die Ohren zu. Er kann das Weinen der Kinder nicht mehr hören. Als gläubiger afrikanischer Christ hat er alles getan, was die Kirche ihm vorgab. Er hat sich vermehrt, leider vermehrte er sich immer weiter, seine Frau war wieder schwanger, doch an Kondome durfte er nicht denken. Er hat Gottes Wort verkündet und nach allen Geboten gelebt. Warum ließ Gott ihn und seine Familie dann so leiden???

Liebe Freunde, Weihnachten ist nicht nur ein christliches Fest, es sollte eine Ode an die Menschlichkeit sein, die JEDEN Tag stattfindet. Bitte denkt in eurem Wohlstand daran, wie viele Claras, Jonas, Badawis und Maries es gibt. Denkt an sie, bevor ihr euch über ein Geschenk ärgert. Denkt an sie, bevor ihr den Braten in euch hinein futtert. Denkt daran, dass JEDER Mensch IMMER ein Recht auf Menschlichkeit hat und denkt an sie, wenn eure Sonne am Zenit steht. Vielleicht scheint ein wenig von eurem Licht auf sie herab und wärmt sie…zumindest für einen kurzen Moment. Sie alle sind uns näher als ihr denkt. Sie sind nur einen Seelenschmerz weit entfernt…

 

 

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Kommentare
  1. Barbara sagt:

    Gänsehaut…

  2. Karen Janssen sagt:

    Liebe Daniela,

    du hast wunderbar einfühlsam geschrieben und du hast mit deiner Aussage, dass wir an andere Menschen und ihre Schicksale denken sollen vollkommen recht.

    Danke für diesen schönen Text. Dir eine schöne besinnliche Adventszeit und ein friedliches Weihnachtsfest!

    Bleib gesund und liebe Grüße von Karen

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