Dinner in the dark

Veröffentlicht: 15. April 2011 in Unmögliche Situationen

Zu Weihnachten bekam ich von meiner Freundin ein „Dinner in the dark“ geschenkt, dass ich unauffällig hier und da schon als optimales Geschenk ins Gespräch gebracht hatte. Und ich freute mir ein Loch in den Bauch, als ich den Gutschein in den Händen hielt, der einen ausgesprochen interessanten Abend vorhersagte. Man saß mit einigen unbekannten Menschen in einem stockdunklen Raum und aß ein Drei-Gänge-Menü.

Gesagt, getan. Also auf zum „Dinner in the dark“. Es fand in einem Hotel statt, das bereits äußerlich sehr ansprechend aussah. Als Merle und ich die Eingangshalle betreten, werden wir vom Personal sehr höflich und aufmerksam empfangen. Ein paar nette Worte, eine Runde Sekt und ein Quentchen mehr Aufregung später sitzen wir mit einem anderen Paar in der Lobby und harren der Dinge, die da kommen.

Es sind um die 50 Menschen, die mittlerweile eingetroffen sind und nun am Eingang des Saales stehen, in dem das Event stattfinden soll. Die Mitarbeiter des Hotels gruppieren immer 5 Leute, verbinden ihnen die Augen und führen sie in den noch nicht abgedunkelten Raum. Insgeheim befürchte ich schon die Entführung eines SM-Rings, der sich so willige Opfer sucht und sehe mich mit einem Schild unter meinem Kinn in den Nachrichten, auf dem steht: „Daniela, bereits 76 Tage in Gefangenschaft der Sadistenvereinigung Hase West“, doch schnell verwerfe ich den beknackten Gedanken.

Auch Merle und ich werden an den Tisch geführt und merken schnell, dass wir mit 6 anderen Leuten am Tisch sitzen. Kein Lichtstrahl dringt durch die Augenbinde und ich frage in die Runde, wer denn noch so um uns herum sitzt. Ich bin sehr erstaunt, als sich ausnahmslos ALLE mit Vornamen melden und kein einziger auf die Idee käme den anderen zu siezen. Offenkundig fällt mit der Fähigkeit zu sehen auch die Hemmung vertraulich mit Fremden umzugehen.

Das Licht wird ausgeschaltet, wir nehmen die Augenbinden ab. Der Saal ist stockduster und man sieht nicht mal die eigene Hand vor Augen. Kurz stelle ich mir vor, wie 50 erwachsene Menschen ihre Hände vor die Gesichter pressen… Konzentrieren, Dani, was registrierst du?

Die Leute an unserem Tisch kichern unsicher vor sich hin und jeder versucht seinen Essbereich zu erkunden. Erstmal ertasten, wo das Wasserglas steht, der Teller, das Besteck. Mein Wein wird geliefert. Ich nehme ihn meiner Nachbarin ab, die ihn mir vorsichtig reicht. MIST. Ob Rotwein wohl aus meinem Longsleeve zu waschen ist???

Der erste Gang wird geliefert. OK, mal schauen, ob ich darauf komme, was es ist. Schmeckt ein wenig wie Fisch mit Schokoladensauce. Quatsch, sowas wird es nicht sein. Konzentrier dich, Dani. Angestrengt versuche ich Messer und Gabel zivilisiert zu benutzen. Klappt nicht. Irritiert frage ich: „Sagt mal, kriegt ihr das mit dem Besteck hin?“ Aufatmen mir gegenüber. Christine ruft: „Neeee, ich benutz die Finger!“ Gute Idee!

Mein Tipp erweist sich als fast richtig. Es ist tatsächlich Lachs mit einer seltsam klingenden Senfsauce. Ok, Gruss an die Geschmacksknospen: REISST EUCH MAL ZUSAMMEN!!!

Der zweite Gang ist nicht wirklich lecker, aber dafür sehr witzig mit den Fingern zu ertasten. Kurz bin ich sehr glücklich darüber, dass das Licht aus ist. So dürfte niemand bemerkt haben, dass mir gerade ein Stück Pute in hohem Bogen zur Seite geflogen ist. Ich grinse, als ich mir vorstelle, wie der Raum wohl aussieht, wenn das ALLEN Gästen passiert. Merle kichert zu mir herüber: „Witzig, ich bediene mich schon die ganze Zeit vom Baguette meiner Nachbarin. Die wird sich schon wundern, warum es immer weniger wird.“

Beim Nachtisch bin ich mir nicht sicher, ob es Milchreis oder Styropor gibt. Schmeckt auf jeden Fall sehr neutral. Die Gespräche am Tisch werden immer angeregter. Mittlerweile weiß ich wo jeder arbeitet, wo sie alle herkommen und in welchem Verhältnis sie zueinander stehen. Witzig, wieviel Hemmung fällt, wenn man sich nicht in die Augen sehen kann.

Das Licht geht an und wir haben alle Schwierigkeiten uns an die grellen Neonlichtstrahlen zu gewöhnen. Wir beäugen uns neugierig und plötzlich hat die Stimme ein Gesicht. Komisch, plötzlich fällt kein persönliches Wort mehr. Es scheint, als seien alle aus einem „Freundschaftskoma“ erwacht. Alle sind darauf bedacht möglichst schnell ihr Getränk zu leeren. Auch die Unterhaltungen verlagern sich nur noch ausschließlich zu den Personen, mit denen alle gekommen sind.

Die Verabschiedung fällt spärlich aus. Ein kurzes „schönen Abend noch“, ein Kopfnicken und ein Winken und schon stoben alle aus dem Saal.

Wie auch immer, es war eine sehr interessante Erfahrung Nahrung einmal zu ERLEBEN und nicht nur von den Augen kategorisiert stumpf in sich hinein zu mampfen.

Ein toller Abend, eine witzige Idee. Doch jetzt bin ich froh alles wieder ganz genau SEHEN zu können…

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